Erinnerungen von Horst Emmel
zum Leben auf einem Bauernhof
und zur Landwirtschaft
I.
Und was tat ich nach der Schule?
Turnverein, Fußballclub oder mit anderen
bei Karstadt Rolltreppe fahren?
Weit gefehlt.
Wenn ich meine Hausaufgaben gemacht hatte, fuhr
ich mit dem Fahrrad hinaus aufs Feld, wo meine
Eltern arbeiteten. Dort half ich jeden Tag bei allen
landwirtschaftlichen Arbeiten mit. Nach der Feld-
arbeit mistete ich die Pferde- und Schweineställe aus
und versorgte die Schweine und Pferde mit Futter.
Als es Anfang der 50er Jahre in einer angrenzenden
Scheune der Familie Stubenrauch in der Schwarzgasse
brannte, griffen die Flammen auch auf den Dachstuhl
unseres Kuhstalles über.
Mein Vater entschied, einen neuen Stall für 10 Milch-
kühe zu bauen. Architekt Pfannschilling plante einen
ganz modernen Stall: Selbsttränken für die Kühe (nie
mehr wieder Wasser schleppen mit großen Eimern),
elektrisch betriebene Wasser-pumpe im Keller des
Kuhstalles, Schwemmentmistung (die Kühe standen
etwas höher, der Kot fiel auf eine tiefere Ebene, so
dass die Entmistung viel schneller vonstatten ging, der
Urin lief über eine Betonrinne automatisch ab),
Futtergang. Der Futtergang befand sich vor den
Köpfen der Kühe. Er war durch das sog. Fressgitter
vom übrigen Kuhstall getrennt. Der Bauer konnte
schon früh am Morgen das Futter für den Abend in
den durchgängigen Futtertrog werfen. Wenn es dann
abends ans Melken ging, öffnete man mit einem
Hebel das Fressgitter, dabei gingen die vor den Kühen
befindlichen Holzbalken ein Stück auseinander. Die
Kühe steckten den Kopf zwischen die Balken, dann
schloss man das Fressgitter, so dass die Kühe nur
fressen, aber nicht mehr den Kopf hin und her
bewegen konnten. Das war optimal für das Melken.
Die Kühe standen still, waren nur mit dem Fressen
beschäftigt und konnten in aller Ruhe gemolken
werden.
Die Elektrifizierung des Bauernhofes nahm
stetig Fortschritte: zwei elektrische Jauche-
pumpen, eine Haferquetsche für das Pferde-
futter, Schrotmühle für das Schweinefutter,
einen elektrischen Mixer für das Schweine-
futter, eine Häcksler für die Rüben, eine
Kreissäge für das Holz (es wurde nur mit
Holz und Kohlen geheizt), einen elekt-
rischen Mistgreifer, um die Wagen mit Mist
zu beladen.
Auch der Kauf eines Deutztraktors mit 30 PS war
eine riesige Umstellung für meine Eltern. An Stelle
einer Rolle mit Eisen-rädern ließ mein Vater eine neue
Rolle mit Gummirädern bauen und kaufte einen
einachsigen Kipper. Alle anderen Geräte, mit denen
Äcker und Wiesen bearbeitet wurden, brauchten eine
Umrüstung für den Traktor. Der Bierstadter Schmied
Heimann hatte Hochkonjunktur.
Mein Vater und unser Knecht Josef Zimmermann
mussten den Traktorführerschein machen. Ich lernte
das ganze theoretische Wissen auswendig und gab
den beiden Verkehrsunterricht.
Mit einer Ausnahmegenehmigung für Bauernkinder
durfte ich selbst schon mit fünfzehn Jahren die
Führerscheinprüfung ablegen und in den Gemar-
kungen Wiesbaden-Bierstadt und Wiesbaden-Igstadt
mit dem Traktor unterwegs sein. Es war ein unbe-
schreiblich erhebendes Gefühl: Auf dem Traktor zu
sitzen und durch Bierstadt zu fahren.
In einem zweiten Schritt wurde dann auch
noch eine elektrische Melkmaschine ange-
schafft, damit ging das Melken noch
schneller. Bauern von nah und fern, die
einen neuen Kuhstall planten, kamen zu
Besuch und besichtigten den modernsten
Kuhstall Hessens.
Die Freude über den neuen Kuhstall währte nur
wenige Jahre. Nachdem festgestellt wurde, dass die
meisten Kühe der hessischen Bauern unter Tuber-
kulose litten, musste auch mein Vater alle Kühe
abschlachten lassen und neue Tbc-freie Tiere kaufen.
Da es allen Bauern in der Umgebung genauso erging
machten die Erbenheimer Viehhändler sehr gute
Geschäfte. Die Bauern durften ein großes Schild an
das Hoftor hängen: TBC-freier Rinderbestand.
Kaum hatte sich mein Vater von den Verlusten erholt,
drohte eine neue Krankheit: Brucellose (vorzeitiges
Verkalben). Wieder musste der gesamte Rinder-
bestand als Schlachtvieh verkauft werden, wieder
mussten neue Rinder gekauft werden. Die Vieh-
händler machten wieder gute Geschäfte. Und am
Hoftor wurde dann ein zweites Schild angebracht:
Brucellosefreier Rinderbestand. Ob sich die Kuh-
haltung unter diesen Umständen finanziell überhaupt
lohnte – diese Frage wurde nie gestellt.
Durch die Elektrifizierung und die Anschaffung eines
Traktors gingen viele Arbeiten schneller vonstatten,
der Anteil der reinen Handarbeit sank beträchtlich.
Allein der Mähbalken am Traktor bedeutete einen
Riesenfortschritt. Man fuhr mit der gummibereiften
„Rolle“ zur Wiese, kuppelte die „Rolle“ ab, ließ den
Mähbalken herunter und begann mit dem Mähen. Es
war nicht mehr notwendig, die ursprünglich von
Pferden gezogene Mähmaschine vorher auf die Wiese
zu fahren.
Mein Vater schaffte ein Pferd ab. Es war die Illa. Er
verkaufte sie an den Gorother Hof in Frauenstein.
Tankred, unser zweites Pferd, trauerte lange Zeit. Oft
streifte er nachts die Kette vom Kopf und pochte mit
dem Vorderhuf zornig gegen die Stalltür. Ein Pferd
brauchten wir vor allem für kleinere Arbeiten in den
Obstbaumgrund-stücken, um zu pflügen, zu eggen
und zum Einsäen.
Als Tankred starb, kaufte mein Vater kein
neues Pferd mehr. Tankreds Tod ging mir
sehr nahe. Eines Tages lag er im Pferdestall
und konnte nicht mehr aufstehen.
Ich versuchte alles, um ihm zum Aufstehen
zu bewegen. Aber er konnte einfach nicht
mehr. Als der Pferdemetzger mit seiner
weißen Gummischürze am Hoftor
hereinkam, lief ich schnell ins Haus, um
Tankreds Abschlachtung nicht auch noch
miterleben zu müssen.
Bilder aus dem Nachlass von Horst Emmel. Großes
Bild oben: Ernte des Getreides mit Mähbinder.
Mitttig: Pauline und Heinrich Emmel mit Arbeitern
bei der Heuernte. Unten: Heinrich Emmel mit Pferd
Tankred und Heurechen, Horst Emmel und Arbeiter
an der Dreschmaschine.
Zur Getreideernte
Ernte von Kartoffeln,
Futter -und Zuckerrüben
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Fortsetzung folgt