Wenn ich meine Hausaufgaben gemacht hatte, fuhr ich mit dem Fahrrad hinaus aufs Feld, wo meine Eltern arbeiteten. Dort half ich jeden Tag bei allen landwirtschaftlichen Arbeiten mit. Nach der Feldarbeit mistete ich die Pferde- und Schweine- ställe aus und versorgte die Schweine und Pferde mit Futter. Als es Anfang der 50er Jahre in einer angrenzenden Scheune der Familie Stubenrauch in der Schwarzgasse brannte, griffen die Flammen auch auf den Dachstuhl unseres Kuhstalles über. Mein Vater entschied, einen neuen Stall für 10 Milchkühe zu bauen. Architekt Pfannschilling plante einen ganz modernen Stall: Selbsttränken für die Kühe (nie mehr wieder Wasser schleppen mit großen Eimern), elektrisch betriebene Wasser- pumpe im Keller des Kuhstalles, Schwemmentmistung (die Kühe standen etwas höher, der Kot fiel auf eine tiefere Ebene, so dass die Entmistung viel schneller vonstatten ging, der Urin lief über eine Betonrinne automatisch ab), Futtergang. Der Futtergang befand sich vor den Köpfen der Kühe. Er war durch das sog. Fressgitter vom übrigen Kuhstall getrennt. Der Bauer konnte schon früh am Morgen das Futter für den Abend in den durchgängigen Futtertrog werfen. Wenn es dann abends ans Melken ging, öffnete man mit einem Hebel das Fressgitter, dabei gingen die vor den Kühen befindlichen Holzbalken ein Stück auseinander. Die Kühe steckten den Kopf zwischen die Balken, dann schloss man das Fressgitter, so dass die Kühe nur fressen, aber nicht mehr den Kopf hin und her bewegen konnten. Das war optimal für das Melken. Die Kühe standen still, waren nur mit dem Fressen beschäftigt und konnten in aller Ruhe gemolken werden.
Und was tat ich nach der Schule? Turnverein, Fußballclub oder mit anderen bei Karstadt Rolltreppe fahren? Weit gefehlt.
In einem zweiten Schritt wurde dann auch noch eine elektrische Melkmaschine angeschafft, damit ging das Melken noch schneller. Bauern von nah und fern, die einen neuen Kuhstall planten, kamen zu Besuch und besichtigten den modernsten Kuhstall Hessens. Die Freude über den neuen Kuhstall währte nur wenige Jahre. Nachdem festgestellt wurde, dass die meisten Kühe der hessischen Bauern unter Tuberkulose litten, musste auch mein Vater alle Kühe abschlachten lassen und neue Tbc-freie Tiere kaufen. Da es allen Bauern in der Umgebung genauso erging machten die Erbenheimer Viehhändler sehr gute Geschäfte. Die Bauern durften ein großes Schild an das Hoftor hängen: TBC- freier Rinderbestand. Kaum hatte sich mein Vater von den Verlusten erholt, drohte eine neue Krankheit: Brucellose (vorzeitiges Verkalben). Wieder musste der gesamte Rinderbestand als Schlachtvieh verkauft werden, wieder mussten neue Rinder gekauft werden. Die Viehhändler machten wieder gute Geschäfte. Und am Hoftor wurde dann ein zweites Schild angebracht: Brucellosefreier Rinderbestand. Ob sich die Kuhhaltung unter diesen Umständen finanziell überhaupt lohnte – diese Frage wurde nie gestellt.
Die Elektrifizierung des Bauernhofes nahm stetig Fortschritte: zwei elektrische Jauchepumpen, eine Haferquetsche für das Pferdefutter, Schrotmühle für das Schweinefutter, einen elektrischen Mixer für das Schweinefutter, eine Häcksler für die Rüben, eine Kreissäge für das Holz (es wurde nur mit Holz und Kohlen geheizt), einen elektrischen Mistgreifer, um die Wagen mit Mist zu beladen. Auch der Kauf eines Deutztraktors mit 30 PS war eine riesige Umstellung für meine Eltern. An Stelle einer Rolle mit Eisen- rädern ließ mein Vater eine neue Rolle mit Gummirädern bauen und kaufte einen einachsigen Kipper. Alle anderen Geräte, mit denen Äcker und Wiesen bearbeitet wurden, brauchten eine Umrüstung für den Traktor. Der Bierstadter Schmied Heimann hatte Hochkonjunktur. Mein Vater und unser Knecht Josef Zimmermann mussten den Traktorführerschein machen. Ich lernte das ganze theoretische Wissen auswendig und gab den beiden Verkehrsunterricht. Mit einer Ausnahmegenehmigung für Bauernkinder durfte ich selbst schon mit fünfzehn Jahren die Führerschein-prüfung ablegen und in den Gemarkungen Wiesbaden-Bierstadt und Wiesbaden-Igstadt mit dem Traktor unterwegs sein. Es war ein unbeschreiblich erhebendes Gefühl: Auf dem Traktor zu sitzen und durch Bierstadt zu fahren.
Landwirtschaft in Bierstadt I von Horst Emmel I  Geschichtsverein Bierstadt
Durch die Elektrifizierung und die Anschaffung eines Traktors gingen viele Arbeiten schneller vonstatten, der Anteil der reinen Handarbeit sank beträchtlich. Allein der Mähbalken am Traktor bedeutete einen Riesenfortschritt. Man fuhr mit der gummibereiften „Rolle“ zur Wiese, kuppelte die „Rolle“ ab, ließ den Mähbalken herunter und begann mit dem Mähen. Es war nicht mehr notwendig, die ursprünglich von Pferden gezogene Mähmaschine vorher auf die Wiese zu fahren. Mein Vater schaffte ein Pferd ab. Es war die Illa. Er verkaufte sie an den Gorother Hof in Frauenstein. Tankred, unser zweites Pferd, trauerte lange Zeit. Oft streifte er nachts die Kette vom Kopf und pochte mit dem Vorderhuf zornig gegen die Stalltür. Ein Pferd brauchten wir vor allem für kleinere Arbeiten in den Obstbaumgrund- stücken, um zu pflügen, zu eggen und zum Einsäen.
Landwirtschaft in Bierstadt I von Horst Emmel I  Geschichtsverein Bierstadt Landwirtschaft in Bierstadt I von Horst Emmel I  Geschichtsverein Bierstadt
Als Tankred starb, kaufte mein Vater kein neues Pferd mehr. Tankreds Tod ging mir sehr nahe. Eines Tages lag er im Pferdestall und konnte nicht mehr aufstehen. Ich versuchte alles, um ihm zum Aufstehen zu bewegen. Aber er konnte einfach nicht mehr. Als der Pferdemetzger mit seiner weißen Gummischürze am Hoftor hereinkam, lief ich schnell ins Haus, um Tankreds Abschlachtung nicht auch noch miterleben zu müssen.
Bilder aus dem Nachlass von Horst Emmel. Großes Bild oben rechts: Ernte des Getreides mit Mähbinder. Kleine Bilder oben von links nach rechts: Pauline und Heinrich Emmel mit Arbeitern bei der Heuernte. Heinrich Emmel mit Pferd Tankred und Heurechen
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Zur Getreideernte
Ernte von Kartoffeln, Futter -und Zuckerrüben

Erinnerungen von Horst Emmel zum Leben auf einem Bauernhof und zur Landwirtschaft

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I.

Fortsetzung folgt

Erinnerungen von Horst Emmel

zum Leben auf einem Bauernhof

und zur Landwirtschaft

I.

Und was tat ich nach der Schule? Turnverein, Fußballclub oder mit anderen bei Karstadt Rolltreppe fahren? Weit gefehlt.
Wenn ich meine Hausaufgaben gemacht hatte, fuhr ich mit dem Fahrrad hinaus aufs Feld, wo meine Eltern arbeiteten. Dort half ich jeden Tag bei allen landwirtschaftlichen Arbeiten mit. Nach der Feld- arbeit mistete ich die Pferde- und Schweineställe aus und versorgte die Schweine und Pferde mit Futter. Als es Anfang der 50er Jahre in einer angrenzenden Scheune der Familie Stubenrauch in der Schwarzgasse brannte, griffen die Flammen auch auf den Dachstuhl unseres Kuhstalles über. Mein Vater entschied, einen neuen Stall für 10 Milch- kühe zu bauen. Architekt Pfannschilling plante einen ganz modernen Stall: Selbsttränken für die Kühe (nie mehr wieder Wasser schleppen mit großen Eimern), elektrisch betriebene Wasser-pumpe im Keller des Kuhstalles, Schwemmentmistung (die Kühe standen etwas höher, der Kot fiel auf eine tiefere Ebene, so dass die Entmistung viel schneller vonstatten ging, der Urin lief über eine Betonrinne automatisch ab), Futtergang. Der Futtergang befand sich vor den Köpfen der Kühe. Er war durch das sog. Fressgitter vom übrigen Kuhstall getrennt. Der Bauer konnte schon früh am Morgen das Futter für den Abend in den durchgängigen Futtertrog werfen. Wenn es dann abends ans Melken ging, öffnete man mit einem Hebel das Fressgitter, dabei gingen die vor den Kühen befindlichen Holzbalken ein Stück auseinander. Die Kühe steckten den Kopf zwischen die Balken, dann schloss man das Fressgitter, so dass die Kühe nur fressen, aber nicht mehr den Kopf hin und her bewegen konnten. Das war optimal für das Melken. Die Kühe standen still, waren nur mit dem Fressen beschäftigt und konnten in aller Ruhe gemolken werden.
Die Elektrifizierung des Bauernhofes nahm stetig Fortschritte: zwei elektrische Jauche- pumpen, eine Haferquetsche für das Pferde- futter, Schrotmühle für das Schweinefutter, einen elektrischen Mixer für das Schweine- futter, eine Häcksler für die Rüben, eine Kreissäge für das Holz (es wurde nur mit Holz und Kohlen geheizt), einen elekt- rischen Mistgreifer, um die Wagen mit Mist zu beladen. Auch der Kauf eines Deutztraktors mit 30 PS war eine riesige Umstellung für meine Eltern. An Stelle einer Rolle mit Eisen-rädern ließ mein Vater eine neue Rolle mit Gummirädern bauen und kaufte einen einachsigen Kipper. Alle anderen Geräte, mit denen Äcker und Wiesen bearbeitet wurden, brauchten eine Umrüstung für den Traktor. Der Bierstadter Schmied Heimann hatte Hochkonjunktur. Mein Vater und unser Knecht Josef Zimmermann mussten den Traktorführerschein machen. Ich lernte das ganze theoretische Wissen auswendig und gab den beiden Verkehrsunterricht. Mit einer Ausnahmegenehmigung für Bauernkinder durfte ich selbst schon mit fünfzehn Jahren die Führerscheinprüfung ablegen und in den Gemar- kungen Wiesbaden-Bierstadt und Wiesbaden-Igstadt mit dem Traktor unterwegs sein. Es war ein unbe- schreiblich erhebendes Gefühl: Auf dem Traktor zu sitzen und durch Bierstadt zu fahren.
Landwirtschaft in Bierstadt I von Horst Emmel I  Geschichtsverein Bierstadt
In einem zweiten Schritt wurde dann auch noch eine elektrische Melkmaschine ange- schafft, damit ging das Melken noch schneller. Bauern von nah und fern, die einen neuen Kuhstall planten, kamen zu Besuch und besichtigten den modernsten Kuhstall Hessens. Die Freude über den neuen Kuhstall währte nur wenige Jahre. Nachdem festgestellt wurde, dass die meisten Kühe der hessischen Bauern unter Tuber- kulose litten, musste auch mein Vater alle Kühe abschlachten lassen und neue Tbc-freie Tiere kaufen. Da es allen Bauern in der Umgebung genauso erging machten die Erbenheimer Viehhändler sehr gute Geschäfte. Die Bauern durften ein großes Schild an das Hoftor hängen: TBC-freier Rinderbestand. Kaum hatte sich mein Vater von den Verlusten erholt, drohte eine neue Krankheit: Brucellose (vorzeitiges Verkalben). Wieder musste der gesamte Rinder- bestand als Schlachtvieh verkauft werden, wieder mussten neue Rinder gekauft werden. Die Vieh- händler machten wieder gute Geschäfte. Und am Hoftor wurde dann ein zweites Schild angebracht: Brucellosefreier Rinderbestand. Ob sich die Kuh- haltung unter diesen Umständen finanziell überhaupt lohnte – diese Frage wurde nie gestellt.
Durch die Elektrifizierung und die Anschaffung eines Traktors gingen viele Arbeiten schneller vonstatten, der Anteil der reinen Handarbeit sank beträchtlich. Allein der Mähbalken am Traktor bedeutete einen Riesenfortschritt. Man fuhr mit der gummibereiften „Rolle“ zur Wiese, kuppelte die „Rolle“ ab, ließ den Mähbalken herunter und begann mit dem Mähen. Es war nicht mehr notwendig, die ursprünglich von Pferden gezogene Mähmaschine vorher auf die Wiese zu fahren. Mein Vater schaffte ein Pferd ab. Es war die Illa. Er verkaufte sie an den Gorother Hof in Frauenstein. Tankred, unser zweites Pferd, trauerte lange Zeit. Oft streifte er nachts die Kette vom Kopf und pochte mit dem Vorderhuf zornig gegen die Stalltür. Ein Pferd brauchten wir vor allem für kleinere Arbeiten in den Obstbaumgrund-stücken, um zu pflügen, zu eggen und zum Einsäen.
Als Tankred starb, kaufte mein Vater kein neues Pferd mehr. Tankreds Tod ging mir sehr nahe. Eines Tages lag er im Pferdestall und konnte nicht mehr aufstehen. Ich versuchte alles, um ihm zum Aufstehen zu bewegen. Aber er konnte einfach nicht mehr. Als der Pferdemetzger mit seiner weißen Gummischürze am Hoftor hereinkam, lief ich schnell ins Haus, um Tankreds Abschlachtung nicht auch noch miterleben zu müssen.
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Bilder aus dem Nachlass von Horst Emmel. Großes Bild oben: Ernte des Getreides mit Mähbinder. Mitttig: Pauline und Heinrich Emmel mit Arbeitern bei der Heuernte. Unten: Heinrich Emmel mit Pferd Tankred und Heurechen, Horst Emmel und Arbeiter an der Dreschmaschine.
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Zur Getreideernte
Ernte von Kartoffeln, Futter -und Zuckerrüben
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Fortsetzung folgt