Erinnerungen von Horst Emmel
zum Leben auf einem Bauernhof
und zur Landwirtschaft
II.
Das Getreide wurde in den 50er Jahren mit
Mähbindern gemäht, die Garben zusammen-
gestellt und getrocknet. Winterweizen und
Roggen fuhr mein Vater in die Dreschhalle
des Landwirts Bierbrauer in der Kloppen-
heimer Straße, die Säcke mit den Körnern
wurden anschließend mit dem Flaschenzug
auf den Speicher gezogen.
Weizen-, Sommergerste- und Hafergarben wurden in
die Scheune gefahren, abgeladen und – wenn im
September die „Dreschkolonne“ kam - daheim
gedroschen. Zur Dresch-maschine gehörte ein elekt-
rischer Motorwagen, der mit einem langen Transmis-
sionsriemen die Maschine antrieb. Die elektrische
Energie wurde über ein dickes Starkstromkabel
geliefert, das jedes Mal an einem Strommast der
Stadtwerke neben der Metzgerei Bernauer
angeschlossen wurde.
Die Dreschkolonne bestand aus ca
10 Personen, die die Dreschmaschine von
Bauernhof zu Bauernhof „rückten“.
Sie stammten meistens aus der Rhön.
Die stärksten Männer waren die Sackträger,
die die Säcke mit den Körnern in die
Speicherräume schleppten.
Meine Mutter hatte in die Waschküche Tisch und
Stühle gestellt, dort aßen die Männer zu Mittag und
zu Abend.
Die „Dreschkolonne“ war für meine Mutter eine
große Herausforderung. Sie musste an jedem Tag 15
und mehr Personen verköstigen. Sie wählte in jedem
Jahr die „Ebbelpannekuche“ (Reibekuchen) mit
„Ebbelbrei“ als Hauptspeise. Dabei wurden Äpfel,
Zwiebeln, rohgeriebene Kartoffeln, Eier, Mehl und
Vanillezucker und Butterschmalz zu einem Teig
verarbeitet. Die „Dreschmaschiner“ hatten großen
Appetit und vertilgten Riesenmengen dieser
besonders saftig schmeckenden Pfannkuchen.
Als später die Mähdrescher aufkamen, die das Mähen
und Dreschen in einem einzigen Vorgang vereinigten,
wurde die Dreschkolonne überflüssig. Mein Vater
erwarb zusammen mit Theo Schild in der Hofstraße
einen eigenen Mähdrescher.
Die Dreschkolonne mit der Ernte 1953. Bild: Horst Emmel.
Die Dreschflegelhalle an der Kloppenheimer Straße.
Bild: Stadtarchiv Wiesbaden.
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