Erinnerungen von Wilhelm Ludwig Klotz zur St. Birgid Gemeinde

Der Maurermeister Wilhelm Schreiner Die katholische Kirche St. Birgid wurde in den Jahren 1938 und 1939 von meinem Großvater, Wilhelm Schreiner, gebaut. Geboren am 29. Juno (Peter und Paul) 1878 in Waldmannshausen im Verwaltungsbezirk Limburg, kam er in jungen Jahren nach Bierstadt. Am 1. April 1930 wurde er als Inhaber eines Maurerbetriebs, der Bauunter- nehmung Wilhelm Schreiner, in die Hand- werksrolle eingetragen, am 1. September 1935 erhielt er die Befugnis zur Anleitung von Lehrlingen. Da hatte Wilhelm Schreiner bereits die Häuser Kleine Wilhelmstraße (heute Anton-Günther-Straße) 3 und 5 (dieses Haus bewohnte er auch mit seiner Familie) gebaut, die auf das Jahr 1911 datieren. Zudem Häuser auf der Bierstadter Höhe, in Sonnenberg, Medenbach und Wildsachsen. Zu den von ihm errichteten Bauwerken gehört auch die Mauer des Bierstadter Friedhofs. Er hat den Grund gestiftet, auf dem die Pfarrei St. Birgid heute den Spiel- und Abenteuerplatz unter- hält und sich als frommer Katholik strikt geweigert, in die NSDAP einzutreten. „Nebenbei“ war mein Opa auch Gründer der ersten Bierstadter Kerbegesellschaft sowie des Spielmannszuges.
Der Bau der Birgidkirche Die Birgidkirche war mit ihren Bruchsteinen eine besondere Herausforderung für die Maurer. Speziell ausgebildete Fachleute errichteten den Bau, der als Nachfolge für die bis dahin in der Erbenheimer Straße, im Linkschen Anwesen, befindliche Kirche dienen sollte. Die Bruchsteine wurden mit Pferdefuhrwerken, aber auch noch mit „Drückkarren“ aus dem Steinbruch in Sonnenberg herbeigeschafft. Die Aufhängung der Glocken war damals nur über eine sehr lange Leiter im Inneren des Turms zu erreichen. Erst mit der späteren Turmerhöhung änderte sich das. Die Kirche muss eine Notweihe erhalten haben, da während des Krieges Kinder hier ihre Erstkommunion feierten. Die eigent- liche Weihe fand 1949 durch den damaligen Bischof Dr. Ferdinand Dierichs statt, der im gleichen Jahr auf der Autobahn Niedern- hausen-Limburg tödlich verunglückte.
Das ehemalige Pfarrhaus in der Erbenheimer Straße. Ebd.
bekannt: Kerbe-Vatter Wilhelm Schreiner, Ottilie Klotz geb. Schreiner, Hugo Frechenhäuser oder Karl Hohmann, Paul Hepp. Ebd.
Innenraum Notkapelle St. Birgid. Nachlass. Bernd Mai.
Messdiener in der St. Birgidkirche Um dem Zustrom der Flüchtlinge katho- lischen Glaubens gerecht zu werden, wurde die Kirche nach dem Krieg auf das doppelte „Fassungsvermögen“ erweitert. Zum Pfarrer wurde Dekan Valentin Rumpf berufen, der mit Schwester und Haushälterin in das benachbarte Pfarrhaus einzog. Sein Herz für die Gemeinde war groß. So öffnete er in den Nachkriegszeiten seinen Garten mit den vielen Obststräuchern den Mess- dienern, zu denen ich ganz selbstverständ- lich gehörte, nachdem ich das passende Alter erreicht hatte. Wir taten uns nur zu gern an Johannis-, Stachel- und anderen Beeren gütlich – sehr zum Missfallen vom „Kätche“, der Schwester des Dekans. Wenn sie das Fenster aufriss und herausschimpfte (schennte), fuhr der fromme Bruder ihr barsch über den Mund: „Halt dei Maul, loss die Bube esse“.
Ab 1945 lagerten im Pfarrhaus auch die Care-Pakete der Amerikaner. Wir Mess- diener wurden daraufhin von Dekan Rumpf mit Rucksäcken ausgestattet, um Fleisch- dosen und andere Leckereien zum gemüt- lichen Beisammensein im Wald von Hessloch zu transportieren. Unser aller Unkenntnis der englischen Sprache führte dazu, dass eine Dose mit schwärzlichem Inhalt, den wir genauso wenig identifizieren konnten wie die Schrift auf dem Etikett, mit in die Suppe wanderte. Wir haben das Ergebnis bis auf den letzten Tropfen ausgelöffelt. Wieder zurück trafen wir einen des Englischen mächtigen Bierstadter, der uns aufklärte, dass wir die Suppe mit Schokoladenpudding „verfeinert“ hatten. Damit wir uns auch sportlich betätigen konnten, zimmerte Dekan Rumpf dort, wo heute der verglaste Eingangsbereich der Kirche ist, ein Tor und organisierte Fußbälle.
Um uns zu „Auswärtseinsätzen“ zu bringen, nutzte der Dekan seinen Opel P4. So kamen wir auch zu einer Beerdigung in Rheinland- Pfalz, bei der wir den Messwein probieren durften. Eine Premiere mit nicht eben angenehmen Ausgang. Auf dem Weg zu einer Messe in Sonnenberg standen einige der Messdiener auf dem Koffergestell des P4. Warum einer davon plötzlich während der Fahrt abspringen wollte, ist unbekannt. Er hat jedenfalls nicht losgelassen und sich sauber die Knie „verblotzt“. Von den Feierlichkeiten im Ort ist mir das Fest der Hl. Hildegard in besonderer Erinnerung, da eine katholische Bürgerin, die nach der Heiligen benannt war, jedes Jahr lauthals und alle anderen übertönend deren Lied schmetterte. Sehr schön war auch die Fronleich- namsprozession, die zur damaligen Zeit durch ganz Bierstadt führte. Mit Altären in der Kleinen Wilhelmstraße, Langgasse (heute Raiffeisenstraße) und Vordergasse (Schultheißstraße). Zwei Messdiener waren abgestellt, in der Sakristei die Kohlen für die Weihrauchfässer vorzubereiten.
Großzügig, wie wir Messdiener sein konnten, wurden pro Schiffchen zwei Kohlen verwandt, aufgefüllt mit einem richtig großen Schuss Weihrauch, was dazu führte, dass im Innenraum der Kirche unglaubliche Nebenschwaden aufstiegen und verschiedene Gläubige umfielen. Auch an eine Kindstaufe erinnere ich mich: Der für das zu taufende Mädchen gewählte Name war dem Dekan nicht christlich genug. Er schlug einen anderen vor, der dem Kindsvater nicht gefiel. Der schlug dann vor, das Kind nach des Dekans Schwester zu nennen: „Kätchen“. Worauf der Dekan schleunigst abwinkte, da war ihm dann ein unchristlicher Name doch lieber ...
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Wilhelm Ludwig Klotz

zur St. Birgid Gemeinde

Der Maurermeister Wilhelm Schreiner Die katholische Kirche St. Birgid wurde in den Jahren 1938 und 1939 von meinem Großvater, Wilhelm Schreiner, gebaut. Geboren am 29. Juno (Peter und Paul) 1878 in Waldmannshausen im Ver- waltungsbezirk Limburg, kam er in jungen Jahren nach Bierstadt. Am 1. April 1930 wurde er als Inhaber eines Maurerbetriebs, der Bauunternehmung Wilhelm Schreiner, in die Handwerksrolle eingetragen, am 1. September 1935 erhielt er die Befugnis zur Anleitung von Lehrlingen. Da hatte Wilhelm Schreiner bereits die Häuser Kleine Wilhelmstraße (heute Anton-Günther-Straße) 3 und 5 (dieses Haus bewohnte er auch mit seiner Familie) gebaut, die auf das Jahr 1911 datieren. Zudem Häuser auf der Bierstadter Höhe, in Sonnenberg, Medenbach und Wildsachsen. Zu den von ihm errichteten Bauwerken gehört auch die Mauer des Bierstadter Friedhofs. Er hat den Grund gestiftet, auf dem die Pfarrei St. Birgid heute den Spiel- und Abenteuer-platz unter-hält und sich als frommer Katholik strikt geweigert, in die NSDAP einzutreten. „Nebenbei“ war mein Opa auch Gründer der ersten Bierstadter Kerbegesellschaft sowie des Spielmannszuges.
bekannt: Kerbe-Vatter Wilhelm Schreiner, Ottilie Klotz geb. Schreiner, Hugo Frechenhäuser oder Karl Hohmann, Paul Hepp. Nachlass. Bernd Mai.
Der Bau der Birgidkirche Die Birgidkirche war mit ihren Bruchsteinen eine besondere Herausforderung für die Maurer. Speziell ausgebildete Fachleute errichteten den Bau, der als Nachfolge für die bis dahin in der Erbenheimer Straße, im Linkschen Anwesen, befindliche Kirche dienen sollte. Die Bruchsteine wurden mit Pferdefuhr- werken, aber auch noch mit „Drückkarren“ aus dem Steinbruch in Sonnenberg herbeigeschafft. Die Aufhängung der Glocken war damals nur über eine sehr lange Leiter im Inneren des Turms zu erreichen. Erst mit der späteren Turmerhöhung änderte sich das. Die Kirche muss eine Notweihe erhalten haben, da während des Krieges Kinder hier ihre Erstkom- munion feierten. Die eigentliche Weihe fand 1949 durch den damaligen Bischof Dr. Ferdinand Dierichs statt, der im gleichen Jahr auf der Auto- bahn Niedernhausen-Limburg tödlich verunglückte.
Das ehemalige Pfarrhaus in der Erbenheimer Straße. Ebd.
Messdiener in der St. Birgidkirche Um dem Zustrom der Flüchtlinge katho-lischen Glaubens gerecht zu werden, wurde die Kirche nach dem Krieg auf das doppelte „Fassungsvermögen“ erweitert. Zum Pfarrer wurde Dekan Valentin Rumpf berufen, der mit Schwester und Haushälterin in das benach- barte Pfarrhaus einzog. Sein Herz für die Gemeinde war groß. So öffnete er in den Nachkriegszeiten seinen Garten mit den vielen Obststräuchern den Mess-dienern, zu denen ich ganz selbstverständlich gehörte, nachdem ich das passende Alter erreicht hatte. Wir taten uns nur zu gern an Johannis-, Stachel- und anderen Beeren gütlich – sehr zum Missfallen vom „Kätche“, der Schwester des Dekans. Wenn sie das Fenster aufriss und herausschimpfte (schennte), fuhr der fromme Bruder ihr barsch über den Mund: „Halt dei Maul, loss die Bube esse“.
Um uns zu „Auswärtseinsätzen“ zu bringen, nutzte der Dekan seinen Opel P4. So kamen wir auch zu einer Beerdigung in Rheinland-Pfalz, bei der wir den Messwein probieren durften. Eine Premiere mit nicht eben angenehmen Ausgang. Auf dem Weg zu einer Messe in Sonnenberg standen einige der Messdiener auf dem Koffergestell des P4. Warum einer davon plötzlich während der Fahrt abspringen wollte, ist unbekannt. Er hat jedenfalls nicht losgelassen und sich sauber die Knie „verblotzt“. Von den Feierlichkeiten im Ort ist mir das Fest der Hl. Hildegard in besonderer Erinnerung, da eine katholische Bürgerin, die nach der Heiligen benannt war, jedes Jahr lauthals und alle anderen übertönend deren Lied schmetterte. Sehr schön war auch die Fronleich-namsprozession, die zur damaligen Zeit durch ganz Bierstadt führte. Mit Altären in der Kleinen Wilhelmstraße, Lang- gasse (heute Raiffeisenstraße) und Vordergasse (Schultheißstraße). Zwei Messdiener waren abge- stellt, in der Sakristei die Kohlen für die Weihrauch- fässer vorzubereiten.
Innenraum Notkapelle St. Birgid. Ebd.
Ab 1945 lagerten im Pfarrhaus auch die Care-Pakete der Amerikaner. Wir Mess-diener wurden daraufhin von Dekan Rumpf mit Rucksäcken ausgestattet, um Fleisch-dosen und andere Leckereien zum gemüt- lichen Beisammensein im Wald von Hessloch zu transportieren. Unser aller Unkenntnis der englischen Sprache führte dazu, dass eine Dose mit schwärzlichem Inhalt, den wir genauso wenig identifizieren konnten wie die Schrift auf dem Etikett, mit in die Suppe wanderte. Wir haben das Ergebnis bis auf den letzten Tropfen ausgelöffelt. Wieder zurück trafen wir einen des Englischen mächtigen Bierstadter, der uns aufklärte, dass wir die Suppe mit Schokoladenpudding „verfeinert“ hatten. Damit wir uns auch sportlich betätigen konnten, zimmerte Dekan Rumpf dort, wo heute der ver- glaste Eingangsbereich der Kirche ist, ein Tor und organisierte Fußbälle.
Großzügig, wie wir Messdiener sein konn- ten, wurden pro Schiffchen zwei Kohlen verwandt, aufgefüllt mit einem richtig großen Schuss Weihrauch, was dazu führte, dass im Innenraum der Kirche unglaubliche Nebenschwaden aufstiegen und verschie- dene Gläubige umfielen. Auch an eine Kindstaufe erinnere ich mich: Der für das zu taufende Mädchen gewählte Name war dem Dekan nicht christlich genug. Er schlug einen ande- ren vor, der dem Kindsvater nicht gefiel. Der schlug dann vor, das Kind nach des Dekans Schwester zu nennen: „Kätchen“. Worauf der Dekan schleunigst abwinkte, da war ihm dann ein unchristlicher Name doch lieber ...
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